Gefühle leben – warum menschliche Beziehungen an innerer Stimmigkeit wachsen oder scheitern

„Ein Gedanke, der mich in der Weihnachtszeit länger begleitet hat, ist der Ursprung dieses Textes.“

 

Gefühle gehören zu den grundlegendsten menschlichen Erfahrungen – und gleichzeitig zu den am meisten verdrängten. In einer Gesellschaft, die Kontrolle, Funktionieren und Anpassung belohnt, lernen viele Menschen früh, ihre Gefühle nicht zu leben, sondern sie zu regulieren, zu unterdrücken oder zu ignorieren. Was dabei oft übersehen wird: Gefühle verschwinden nicht, nur weil wir sie nicht fühlen wollen. Sie wirken weiter – im Hintergrund, unbewusst, aber spürbar.

 

Gefühle sind kein Störfaktor des Menschseins, sondern ein zentrales Orientierungssystem. Sie zeigen an, wie unser inneres Erleben auf Situationen, Menschen und Entscheidungen reagiert. Gedanken können täuschen, Wahrnehmungen können verzerrt sein, Worte können falsch gewählt werden – Gefühle hingegen sind immer real. Man kann sich verhören, versprechen oder versehen, aber man kann sich nicht verfühlen. Ein Gefühl ist da, weil das innere System genau so reagiert. Es ist nicht richtig oder falsch, sondern Ausdruck eines momentanen Zustands.

 

Das eigentliche Problem entsteht nicht durch Gefühle, sondern durch ungelebte Gefühle. Wenn Menschen innerlich etwas anderes fühlen, als sie nach außen zeigen, entsteht Inkongruenz. Diese innere Unstimmigkeit führt zu Unsicherheit. Entscheidungen verlieren an Klarheit, Selbstvertrauen beginnt zu schwinden, weil der innere Bezugspunkt fehlt. Wer seinen eigenen Gefühlen misstraut oder sie verdrängt, verliert den Kontakt zu sich selbst.

 

Diese innere Spaltung bleibt für andere nicht unsichtbar. Menschen reagieren weniger auf Worte als auf Stimmigkeit. Körpersprache, Tonfall, Blickkontakt und Präsenz werden unbewusst wahrgenommen. Wenn Gefühl und Verhalten nicht zusammenpassen, entsteht beim Gegenüber der Eindruck, dass etwas nicht stimmt. Vertrauen schwindet nicht, weil jemand Gefühle hat, sondern weil jemand innerlich nicht greifbar wirkt. Der Mensch wird als jemand anderes erlebt, als er sich zeigt.

 

Aus dieser Wahrnehmung entsteht schnell ein gegenseitiger Vertrauensverlust. Der eine spürt Unsicherheit oder Unstimmigkeit, reagiert zurückhaltender oder distanzierter. Der andere nimmt diese Reaktion wahr und wird selbst noch unsicherer. Ein Kreislauf beginnt, in dem sich Menschen voneinander entfernen, ohne dass jemand bewusst etwas falsch macht. Ursache ist nicht mangelnde Kommunikation, sondern fehlende innere Authentizität.

 

Gefühle zu leben bedeutet dabei nicht, impulsiv zu handeln oder alles ungefiltert auszudrücken. Es bedeutet, das eigene Erleben wahrzunehmen und innerlich anzuerkennen. Gefühle zu leben heißt, sich selbst nicht zu verleugnen. Erst wenn ein Gefühl gesehen wird, kann bewusst entschieden werden, wie man handelt. Diese innere Ehrlichkeit schafft Klarheit – nach innen und nach außen.

 

Paradoxerweise beruhigen gelebte Gefühle das innere System. Unterdrückte Gefühle hingegen bauen Spannung auf und suchen sich andere Wege, sich auszudrücken – über Reizbarkeit, Rückzug, Überanpassung oder Kontrolle. Menschen, die ihre Gefühle integrieren, wirken ruhiger, präsenter und verlässlicher. Nicht weil sie weniger fühlen, sondern weil sie mit sich im Kontakt sind.

 

Menschliches Miteinander lebt von Stimmigkeit. Vertrauen entsteht dort, wo Worte, Verhalten und inneres Erleben zusammenpassen. Gefühle zu leben ist deshalb keine Schwäche, sondern eine Voraussetzung für tragfähige Beziehungen. Wer bei sich ist, gibt dem Gegenüber Orientierung und Sicherheit. Authentizität wirkt verbindend – nicht Perfektion.

 

Am Ende bleibt eine einfache, aber tiefgreifende Erkenntnis: Was wir nicht fühlen, steuert uns. Was wir fühlen und anerkennen, gehört uns. Gefühle zu leben bedeutet, innerlich aufrichtig zu sein. Und diese Aufrichtigkeit ist die Grundlage für Selbstvertrauen, Vertrauen in andere und ein menschliches Miteinander, das trägt.

 

Gerade die Weihnachtszeit macht besonders deutlich, wie präsent Gefühle tatsächlich sind. Nähe, Dankbarkeit, Sehnsucht, Freude, aber auch Einsamkeit, Enttäuschung oder alte Verletzungen treten stärker hervor als im restlichen Jahr. In der Ruhe und im Rückblick zeigen sich innere Zustände, die im Alltag oft überdeckt werden. Diese Zeit wirkt wie ein Verstärker für das, was ohnehin da ist. Vielleicht liegt genau darin eine Chance. Nicht im schnellen Wegmachen dieser Gefühle, sondern im bewussten Hinsehen. Das neue Jahr beginnt oft mit guten Vorsätzen – leistungsorientiert, diszipliniert, kontrolliert. Ein anderer Vorsatz könnte nachhaltiger sein: sich selbst wieder ernster zu nehmen, den eigenen Gefühlen mehr Raum zu geben und zu lernen, sie nicht länger zu verdrängen, sondern zu integrieren. An den eigenen Gefühlen zu arbeiten bedeutet nicht, sie zu verändern, sondern sie zu verstehen. Es ist ein stiller, aber kraftvoller Schritt hin zu mehr innerer Stimmigkeit, Selbstvertrauen und echten, tragfähigen Beziehungen.


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Ralph Hillmer

Ralph Hillmer ist Experte für Epigenetik  & Sport Mentaltraining und hat bereits in zahlreichen Coachings und Trainings sein Wissen unter Beweis gestellt. In diesem Blog erfährst du mehr über seine Expertise.

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