Wann hast du das letzte Mal Tränen gelacht?

Lachen gehört zu den ursprünglichsten Ausdrucksformen des Menschen. Noch bevor wir sprechen, denken oder erklären können, lachen wir. Kinder lachen aus sich selbst heraus, ungebremst, voller Spontaneität und Leichtigkeit, oft hunderte Male am Tag. Erwachsene dagegen deutlich seltener. Nicht, weil das Leben zwangsläufig schwerer geworden ist, sondern weil sich im Laufe der Jahre etwas verändert hat. Die Frage drängt sich auf: Haben wir das Lachen verlernt – oder wurde es uns schleichend aberzogen?

 

Lachen ist weit mehr als Humor oder gute Laune. Es ist ein neurobiologisches Ereignis. Im Moment des Lachens werden Endorphine ausgeschüttet, Stresshormone sinken, das Nervensystem schaltet von Anspannung auf Regulation und Regeneration um. Der Parasympathikus wird aktiviert, der Körper verlässt den inneren Alarmzustand. Selbst das Immunsystem reagiert positiv. Interessanterweise unterscheidet der Körper kaum, ob das Lachen spontan oder bewusst initiiert ist. Die Körperreaktion erfolgt schneller als jede Bewertung. Lachen ist damit nicht nur Ausdruck von Wohlbefinden, sondern ein aktiver Weg dorthin.

 

Und doch verschwindet Lachen bei vielen Menschen langsam aus dem Alltag. Nicht abrupt, sondern leise. Irgendwann im Leben lernen wir Sätze wie: „Reiß dich zusammen“, „Das ist nicht lustig“, „So benimmt man sich nicht“ oder „Darüber macht man keine Witze“. Was als Sozialisation beginnt, wird später zur Selbstkontrolle. Spontaneität wird reguliert, Überschwang gedämpft, Leichtigkeit ersetzt durch Anpassung. Lachen wird vorsichtig, sozial abgefedert, funktional. Bis es irgendwann kaum noch stattfindet.

 

Ein Klient brachte es einmal auf den Punkt, als er sagte: „Ich glaube, ich habe das Lachen verlernt.“ Dieser Satz ist erschütternd, gerade weil er so ehrlich ist. Und er ist kein Einzelfall. Viele Menschen verlieren das Lachen nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch Dauerstress, Leistungsdruck, permanente Selbstbeobachtung und den Anspruch, ständig zu funktionieren. Und hier zeigt sich ein zentraler Zusammenhang: Wer sich ständig kontrolliert, kann nicht lachen.

 

Denn Lachen braucht Loslassen.

 

Früher durfte Humor mehr. Er durfte überzeichnen, scheitern, peinlich sein. Slapstick lebte davon, dass Menschen stolperten, hinfielen, sich irrten – und wir darüber lachen durften. Filme und Serien wie Dick & Doof funktionierten nicht, weil sie perfekt waren, sondern weil sie menschlich waren. Nicht respektlos, sondern entlastend. Menschen waren weniger fragil, widerstandsfähiger, fähiger zur Selbstironie.

 

Heute dagegen ist Humor häufig bewertet, kontextabhängig und moralisch aufgeladen. Lachen ist nicht mehr frei. Und wo es nicht frei ist, wird es selten. Besonders das Lachen über sich selbst. Dabei ist genau das ein Zeichen von innerer Souveränität. Über sich selbst lachen zu können bedeutet, sich ernst zu nehmen, ohne sich absolut zu setzen. Oder anders gesagt: „Ich bin nicht mein Fehler. Ich bin größer als mein Ernst.“

 

Wann hast du das letzte Mal so gelacht, dass dir die Tränen gekommen sind? Nicht höflich, nicht angepasst, sondern unkontrolliert, aus dem Bauch heraus. Und wann hast du das letzte Mal über dich selbst gelacht – nicht zynisch oder abwertend, sondern liebevoll, entwaffnend? Solches echtes Lachen entsteht nur, wenn der Verstand kurz aufgibt, das Ego stolpert und die innere Zensur schweigt. Neurologisch ist es ein kleiner Kontrollverlust – und genau deshalb wirkt er so regulierend.

 

Wenn Lachen verloren gegangen ist, stellt sich die Frage, ob und wie man es wieder erlernen kann. Die Antwort lautet: ja – aber nicht als Technik. Humor wird nicht produziert, sondern erinnert. Lachen kehrt nicht durch Zwang zurück, sondern durch Erlaubnis. Lustige Filme oder Serien können dabei helfen, besonders körperlicher, einfacher Humor. Noch wirksamer ist jedoch der soziale Raum. Lachen ist Beziehung. Es ist zutiefst ansteckend, vor allem dort, wo kein Leistungsanspruch besteht und Zweckfreiheit erlaubt ist.

 

Der Weg zurück ins Lachen beginnt dabei oft nicht mit dem Lachen selbst, sondern mit etwas viel Kleinerem: dem Lächeln. Ein echtes Lächeln ist ein Sicherheitssignal. Es sagt dem Gegenüber – und dem eigenen Nervensystem – dass keine Gefahr besteht, dass Kontakt erlaubt ist. Lächeln ist die Tür – Lachen der Raum dahinter.

Weil unser Gehirn über Spiegelneuronen arbeitet, wird ein Lächeln häufig unbewusst erwidert. Noch bevor wir nachdenken, reagiert der Körper.

 

Viele Menschen, die nicht mehr lachen können, haben zuerst verlernt zu lächeln. Nicht aus Unfreundlichkeit, sondern aus Selbstschutz, aus Ernsthaftigkeit, aus innerer Anspannung. Wer nicht mehr lächelt, bleibt innerlich auf Distanz. Und auf Distanz entsteht kein Lachen. Deshalb beginnt der Weg zurück oft im Gegenüber – im Anlächeln, im Blickkontakt, im Moment von Menschlichkeit.

 

Gerade weil echtes Lachen so selten geworden ist, kann es hilfreich sein, ihm wieder Raum zu geben – nicht durch Selbstoptimierung, sondern durch Beobachtung. Ein Lachtagebuch kann dabei ein stiller Begleiter sein. Kein Leistungsinstrument, sondern ein Spiegel. Die Frage lautet abends nicht: „Habe ich genug gelacht?“, sondern: „Worüber und über wen habe ich heute gelacht?“ Vielleicht auch: „Habe ich heute über mich selbst gelacht?“ Oft zeigt sich zunächst eine Leerstelle – und genau diese Leerstelle ist bereits eine wichtige Erkenntnis.

 

Ein Lachtagebuch schärft die Wahrnehmung. Wer sich diese Fragen regelmäßig stellt, beginnt tagsüber anders hinzuschauen. Kleine Momente von Leichtigkeit werden wieder sichtbar. Mit der Zeit zeigen sich Muster: Lache ich über andere oder mit anderen? Ist mein Lachen entlastend oder abwertend? Gibt es noch Nähe, noch Spiel, noch Unperfektheit?

 

Lachen ist kein Luxus und kein Zeichen von Oberflächlichkeit. Es ist ein Regulationsmechanismus für Psyche und Nervensystem, ein soziales Bindemittel und ein Schutz vor innerer Verhärtung. Ein Mensch – oder eine Gesellschaft – die nicht mehr über sich selbst lachen kann, wird hart, unbeweglich und verletzlich. Ohne Selbstironie wird jede Irritation zur Bedrohung.

 

Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht, ob man über etwas lachen darf. Sondern, was wir verlieren, wenn wir es nicht mehr können. Denn manchmal beginnt Entwicklung nicht mit Analyse oder Disziplin, sondern mit einem echten Lächeln, das erwidert wird. Und manchmal folgt daraus ein Lachen, bei dem Tränen fließen, Kontrolle kurz Pause macht – und etwas im Inneren wieder weich wird.

 

Lach mal wieder - Du darfst!


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Ralph Hillmer

Ralph Hillmer ist Experte für Epigenetik  & Sport Mentaltraining und hat bereits in zahlreichen Coachings und Trainings sein Wissen unter Beweis gestellt. In diesem Blog erfährst du mehr über seine Expertise.

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